Das Thema heute: Glücksspielprobleme bei türkeistämmigen Migranten

Vom 18.-20.09.2017 fand der diesjährige Deutsche Suchtkongress in Lübeck statt. Wir haben eine spannende Tagung und regen Austausch genossen und möchten nun Sie an den Ergebnissen und Erkenntnissen teilhaben lassen. In den folgenden Tagen und Wochen stellen wir Ihnen unterschiedliche Beiträge des Suchtkongresses vor.

Das Thema heute: Glücksspielprobleme bei türkeistämmigen Migranten

Eine Forschergruppe des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung der Universität Hamburg beschäftigt sich mit der Glücksspielproblematik bei türkeistämmigen Migranten. Aus repräsentativen Befragungen ist bekannt, dass die Gruppe der türkeistämmigen Migranten einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Personen mit einem pathologischen Spielverhalten aufweist. Gleichzeitig ist es jedoch laut verschiedener Studien so, dass die Raten der türkeistämmigen Migranten, die entsprechende Hilfeangebote in Anspruch nehmen, sehr gering sind. Ebenfalls sind die Erfolgsquoten begonnener therapeutischer Maßnahmen eher gering.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, welche Faktoren dafür verantwortlich sind. Eine vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützte Studie des Hamburger Forscherteams soll Antworten auf die folgenden Fragen geben:

  • Welche Ursachen führen zu einem vermehrten Auftreten von Glücksspielproblemen bei türkeistämmigen Migranten?

  • Welche Barrieren für die Inanspruchnahme von Hilfe gibt es für diese Personengruppe?

  • Welcher Unterstützungsbedarf besteht?

 

Die Antworten sollen es ermöglichen, Empfehlungen für die Praxis abzuleiten.

Um diese Antworten generieren zu können, wurden sowohl Experten aus den Bereichen der Migrations-, Familien- und Suchtberatung interviewt, als auch aktuell oder rückfällig gewordene türkeistämmige pathologische Glücksspieler befragt und auch allgemein zahlreichen Interviews mit türkeistämmigen Personen geführt.

Erste Auswertungen machen deutlich, dass türkeistämmige Spieler dem klassischen Suchtkonzept – Spielsucht als eine psychische Erkrankung – häufig skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Insbesondere das Spielsuchtpotenzial von Sportwetten wird unterschätzt. Außerdem bestehen eine Reihe von problematischen Fehlannahmen in Bezug auf das Versorgungs- und Hilfesystem. Als bedeutsames Motiv für die Teilnahme am Glücksspiel und sich entwickelnde Spielprobleme erweisen sich insbesondere innerfamiliäre Konflikte im Kontext der Migrationskultur. Abschießend lassen sich drei größere Spielergruppen darstellen: die sogenannten „Importbräutigame“, junge Sportwetter und ältere Automatenspieler.

Als „Importbräutigame“ bezeichnet man Männer, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, um hier eine Frau zu heiraten. In dieser Konstellation ist die Frau in Deutschland gut integriert, spricht fließend Deutsch und geht einer Arbeit nach. Der Mann hingegen spricht schlecht oder gar nicht Deutsch und hat keine Arbeit. Viele Männer suchen daher Cafés oder Kulturvereine auf, in denen sich andere Migranten mit ähnlichem Hintergrund aufhalten. Häufig wird dort auch Glücksspiel angeboten, was zunächst der Ablenkung dient.

Unter den türkeistämmigen Migranten herrschen verschiedene Motive vor, die zur Teilnahme am Glücksspiel motivieren. Z.B. das Erleben von Spannung, Erregung, Spaß oder einem Hochgefühl. Darüber hinaus werden soziale Motive erfüllt, die für die Gruppe der türkeistämmigen Migranten eine hohe Bedeutung haben: Glücksspiel ist zunächst gesellig; wer daran teilnimmt, kann Freunde treffen. Und ebenfalls wichtig ist, dass durch die Teilnahme am Glücksspiel Stress abgebaut, Sorgen vergessen und schlechte Stimmung gebessert werden kann.

Wenn dann ein Problem vorliegt, gibt es verschiedene Gründe dafür, dass Hilfeangebote nicht in Anspruch genommen werden. Selbstüberschätzung, die Überzeugung, mit dem Problem allein fertig zu werden oder gar die Verleumdung des Problems gehören dazu. Außerdem besteht Furcht vor Stigmatisierung. Informations- und Kommunikationsdefizite kommen hinzu. Nicht zuletzt besteht die Angst vor negativen Konsequenzen, wenn eine Suchterkrankung bekannt wird; z.B. Abschiebung oder Kündigung.

Das Forscherteam schlussfolgert aus seinen Befunden, dass dringende Notwendigkeit besteht, neue Maßnahmen zu entwickeln bzw. bestehende Maßnahmen zur Aufklärung der türkeistämmigen Bevölkerung hinsichtlich der Risiken des Glücksspiels zu intensivieren. Besonderes Augenmerk sollte hier auf den Sportwetten liegen. Darüber hinaus sollten die Möglichkeiten der Inanspruchnahme des Hilfesystems bekannter gemacht werden. Wichtig ist: die besondere Bedeutung der Familie ist bei der Entwicklung von Präventions- und Spielerschutzmaßnahmen für diese Bevölkerungsgruppe zu berücksichtigen.

Sie möchten mit uns über das Thema sprechen?

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